|
|
|
|
Sektion: Presse
INFORMATIONSDIENST
HOLZ Dokumentation
Holzbauten in Norddeutschland Achterbahn "Colossos" 29614 Soltau Die Ursprünge der
modernen Achterbahn sind zurückzuführen auf das Rußland des 15. und 16. Jh. Vor
allem um die Städte St. Petersburg und Moskau wurden in der zumeist flachen
Landschaft künstliche, über 21 m hohe Berge aus Holzgebälk errichtet, von denen
man im Winter auf vereisten Bahnen herunter rutschen konnte. Um auch einen
sommerlichen Betrieb zu ermöglichen, wurden im Jahre 1784 an mittlerweile
gebräuchlichen Schlitten Steinräder angebracht, die in einer Rille zu Tal
liefen. Die Beliebtheit dieser Rutschbahnen führte zu einer Verbreitung in ganz
Europa. 1884 entstand am Strand von Coney Island in Brooklyn, New York, die erste
hölzerne Rutschbahn Amerikas, bei der schon zehnsitzige Wagen auf einen 183 m
langen Weg geschickt wurden. Ebenfalls in Amerika
wurden Ende des 19. Jh. erste Anlagen entwickelt ("Roller Toboggans"), die
aufgrund ihrer achtförmigen Streckenführung den Namen Achterbahn verdient
hatten und für Schausteller in Serie produziert wurden. In dieser Zeit vollzog
sich eine rasante Entwicklung der beliebten Bahnen. Rechenprogramme oder
mathematische Herangehensweisen zur Ermittlung von dynamischen Kräften steckten
allerdings in den Kinderschuhen, so dass immer noch viel Gefühl und große
Erfahrung dazu gehörten, den optimalen Schienenverlauf festzulegen. Seit den
50er Jahren des 20. Jh. ist allerdings ein technischer Entwicklungsschub
weltweit zu beobachten, dem nur noch die zumutbare Belastung des menschlichen
Körpers Grenzen setzt. 1953 entstand in dem
unter Holzarmut leidenden Italien die erste Achterbahn in vollständiger
Stahlbauweise. Eine transportierbare Bahn dieser Art ("Wild Cat") konstruierte
1964 bereits der junge Werner Stengel - der Planer von Colossos im Heide-Park
ist seitdem ein weltweit gefragter Star der Branche. Leider verschwanden sehr
schnell sämtliche Holzachterbahnen von den europäischen Festplätzen, da sich
die Auf- und Abbauzeiten sowie die Transportkosten durch die Stahl-Varianten
extrem verkürzten. Bei stationären Anlagen erwachte allerdings ausgehend von
Amerika in den 70er Jahren des 20. Jh. eine Renaissance moderner hölzerner
Achterbahnen, die trotz spektakulärer Stahl-Loopingbauten bis heute anhält. Die Popularität
dieser Holzgiganten ist nicht zuletzt begründet in der Schönheit der
Konstruktionen. Als grafisch prägnante Kulisse wird die opulente Menge der
Streben und Abstützungen gerne in Werbespots und Spielfilmen eingesetzt. Seit
Anfang des 20. Jh. wurden weltweit bislang etwa 4.000 Holzachterbahnen gebaut;
derzeit entstehen etwa 20 neue Bahnen im Jahr. Colossos im Heidepark Soltau ist
jetzt die größte Achterbahn der Welt. An ihrer steilsten Stelle hat sie eine
Neigung von 61°; wenn man aus 60 m Höhe hier herunterfährt, fühlt sich der
Fahrgast fast schwerelos und empfindet die Abfahrt als freien Fall. In den
engen Passagen andererseits wirken Kräfte bis zum Vierfachen des eigenen
Körpergewichts auf die Passagiere. Das Primärtragwerk
der Achterbahn besteht aus Fachwerkträgern mit zug- und drucksteif
angeschlossenen Vollholzdiagonalen. Die Fachwerkträger stehen in Bahnrichtung
in Abständen zwischen 1,60 und 3,20 m. In Bereichen größerer Fliehkraft- oder
Windbeanspruchungen werden in Abständen von etwa 7,50 m Fachwerkträger auf
unterschiedlicher Höhe ein- oder beidseitig abgestrebt. Die Vertikalen der
Fachwerkträger sind aus bis zu 11,60 m langen Einzelstäben zusammengesetzt, die
über Laschenverbindungen stumpf gestoßen werden. Im Stoß werden Druckkräfte
über Kontakt, Zugkräfte über die Bolzen und Laschen übertragen. Die
Schienenschwellen, auch "ledger" genannt, sind im Primärtragwerk integriert.
Daraus resultierte die Notwendigkeit sehr strenger Toleranzvorgaben bezüglich
der Höhe und der Lage des Primärtragwerkes, die durchweg eingehalten werden
konnten. So wurde eine maximale Höhenabweichung von nur 5 mm bei annähernd 60 m
Gesamthöhe der Bahn gemessen. Fachwerkträger und Abstrebungen werden über
geschweißte, feuerverzinkte Stahlschuhe auf Einzelfundamenten aufgelagert. Das Sekundärtragwerk
wird wie folgt ausgebildet: In Bahnrichtung verbinden horizontale verlegte
Hölzer die einzelnen Fachwerkträger. Ein rautenförmiges Netz aus quer über die
Fachwerkträger verlaufenden Hölzern vervollständigt die Aussteifung in
Bahnrichtung. Die Abstrebungen der Primärträger werden zur
Knicklängenreduzierung über horizontale Tragglieder gegenüber den Primärträgern
abgestützt. Die schräg verlaufenden Abstützungen der Primärträger werden zudem
in ihrer Ebene durch horizontal und diagonal verlegte Kanthölzer zu einem
Fachwerk ergänzt. Für alle hölzernen Bauteile wurden kleine Querschnitte
gewählt, um Zwängungen oder Verformungen infolge Quellen und Schwinden zu
minimieren. Die Schienen bestehen
aus räumlich gekrümmten und tordierten Furnierschichtholzträgern mit
Querschnittsmaßen von 200 x 400 mm. Die Schienenabschnitte sind
durchimprägniert und mittels CNC-Fräsen aus größeren Rohlingen herausgefräst.
Die einzelnen Abschnitte werden durch scharnierartig ausgebildete Anschlüsse
verbunden. Der Furnierschichtholzquerschnitt ist oberseitig mit einer etwa 10mm
dicken Stahlblechabdeckung versehen. Die Verbindung mit den "ledgern" erfolgt
über geschweißte, feuerverzinkte Stahlteile. Alle Schienenabschnitte
wurden mit hoher Präzision und auf Basis geometrischer Daten des
Konstruktionsprogrammes gefertigt. Wurden bei anderen Bahnen bislang erst nach
Fertigstellung des Traggerüstes Schienenträger aus Vollholzbohlen und vor Ort
erstellt und danach eine Stahlschiene montiert, konnten beim Bau von Colossos
aufgrund der hohen Paßgenauigkeit Gerüst und hölzerne Schiene zugleich montiert
werden. Dadurch reduzierte sich die Bauzeit deutlich. Die sehr genaue Anpassung
an die sogenannte Herzlinie führt zu einer wesentlich ruhigeren Fahrt als bei
anderen Holzachterbahnen. Von Vorteil erweist sich auch die Formstabilität und
Lebenserwartung der Furnierschichtholzträger, die deutlich höher als bei
bislang ausgeführten Vollholzkonstruktionen liegen. Mit nur 43
Detailpunkten (allerdings mit zahlreichen Variationen der Winkel und
Stababmessungen) konnte eine sehr weit reichende Standardisierung der
Konstruktion erreicht werden. Für die Konstruktion
der Achterbahn kamen etwa 120.000 Hölzer beziehungsweise 3.000 m3
imprägnierte Niedersächsische Kiefer zum Einsatz. Die große anteilige Menge an
Vollholz der Sortierklasse S 13 wurde aus bis zu 140 Jahre alten Stämmen
eingeschnitten. Für alle Verbindungen und Anschlüsse verarbeitete man etwa 125
Tonnen Stahlteile, 80 Tonnen Bolzen und Muttern sowie 6 Tonnen Nägel. Die Bemessung
erfolgte durch ein spezialisiertes Ingenieurbüro für Fahrgeschäfte in Absprache
mit dem TÜV Süddeutschland. Bemessungsgrundlage waren DIN 1052 "Holzbauwerke",
DIN 1074 "Holzbrücken" sowie DIN 4112 "Fliegende Bauten, Richtlinien für
Bemessung und Ausführung". Besonderes Augenmerk
erforderte die Aussteifung der Gesamtkonstruktion, wobei hierfür die
Windbeanspruchung den größten Anteil der Lasten lieferte. Da das
Bemessungsprogramm die riesige Anzahl von Einzelstäben im Gesamttragwerk nicht
bewältigen konnte, wurde die aussteifende Wirkung der Schienen auf das
Gesamtsystem nicht berücksichtigt sondern als Sicherheitsreserve angesehen. Die
Aussteifung erfolgte im Wesentlichen über das oben beschriebene
Sekundärtragwerk. Die lastverteilende Wirkung der Schienen mußte hingegen -
insbesondere in den Bahnabschnitten mit großen Fliehkräften - durch
abschnittsweise Modellierung der Bahn erfasst werden. Zur Minimierung von
Rissen verwendete man ausschließlich kerngetrenntes Kiefernholz. Dieses wurde
mit Übermaß geschnitten, auf Tränkfeuchte getrocknet, gehobelt, abgebunden und
erst danach kesseldruckimprägniert. Da auf der Baustelle keine Schnitte oder
Bohrungen mehr ausgeführt werden mußten, erübrigte sich auch eine
Nachbehandlung. Der Spritzwasserschutz der Stützenfüße wird durch die
Aufständerung auf Stahlschuhe erreicht. Abdeckungen schützen horizontal
liegende Hirnholzflächen. Für den
Schienenträger wurde Furnierschichtholz als Material gewählt, da dieses
aufgrund vieler Mikrorisse in den Schälfurnieren komplett durchimprägniert
werden kann. Durch vorbeugenden chemischen Holzschutz und eine oberseitige
Stahlblechabdeckung kann eine Nutzungsdauer von mindestens 20 Jahren erwartet
werden. Schrauben, Bolzen und Nägel wurden gemäß DIN 1052-2, Tabelle 1,
feuerverzinkt. Aufgrund der relativ großen erforderlichen Zinkschichtdicken
mußten die Bolzen mit Untermaß hergestellt werden. Die Montage der Bolzen
erfolgte mit großer Sorgfalt, um nicht die Verzinkung insbesondere der Gewinde
zu beschädigen. Die Brandlast der
Achterbahn ist als gering einzustufen, da keine großflächigen Bekleidungen
vorhanden sind. Durch die offene Konstruktion ist zudem keine Kaminwirkung oder
die Möglichkeit einer Verrauchung zu befürchten. Müßte dennoch die Bahn
evakuiert werden, so erreichen die Züge die Talstation vom Hochpunkt aus
innerhalb von 70 Sekunden. Sollte ein Zug im Bereich des Anstieges stehen
bleiben, so können die Fahrgäste die Bahn durch beiderseitige Fluchtwege
verlassen. Der Betreiber führt
täglich, wöchentlich und monatlich Überwachungen unterschiedlichen Umfanges
durch, bei denen vor allem der Sitz der Bolzen kontrolliert wird. Eine
durchgehende Betonplatte unter der gesamten Bahn erleichtert das Auffinden und
Ersetzen herausgefallener Bolzen. Die geplante Nutzungsdauer der Achterbahn
beträgt etwa 50 Jahre. Bauherr:
Heide-Park-Soltau GmbH, Soltau Entwurf und
Tragwerksplanung: Dipl.-Ing. Werner Stengel, Ing.-Büro Stengel, München Ausführung der Holzkonstruktion: Ing.-Holzbau Cordes,
Rotenburg / Wümme; Fa. Heinrich Harling, Bergen; Merk Holzbau, Aichach max. Höhe: 60 m Streckenlänge: 1.500
m max. Längsgefälle: 61o max. Quergefälle: 67o max. Geschwindigkeit:
120 km/h Fahrzeit: 145 s max. Kapazität: 1.500
Personen/h Baukosten: 45 Mio. DM Bauzeit: 7 Monate Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft Holz e.V., Düsseldorf Mit
finanzieller Unterstützung durch die Ing.-Holzbau
Cordes GmbH & Co. KG Waffensener
Dorfstraße 20 27356
Rotenburg / Wümme (04268)
933-0 (04268)
933-20 fax Bearbeiter Dipl.-Ing.
Arnim Seidel, Düsseldorf Dipl.-Ing.
Tobias Wiegand, Düsseldorf Ing.-Holzbau
Cordes, Rotenburg / Wümme Bauen
mit Holz, Bruderverlag, Karlsruhe Wolfgang
Klemmt, Springe dpa-Bilderdienste,
Frankfurt Ein
interessantes Buch zur Geschichte der Achterbahnen ist im Buchhandel
erhältlich: Laufer, Frank: 100 Jahre Achterbahn; Herausgeber G. Reddersen, R.
Neumeier; Gemi Verlags GmbH; ISBN-Nr. 3-9803977-7-7. Technische
Informationen Arbeitsgemeinschaft
Holz e.V. Postfach 30 01 41 D - 40401 Düsseldorf argeholz@argeholz.de www.argeholz.de (0211) 478180 (0211) 452314 fax Erschienen: Juni 2001 ISSN-Nr. 0466-2114
Haben Sie Fragen? Anregungen? Wünsche für diese Web-Site? Schicken Sie eine
Mail an
webmaster@cordes-row.de!
Impressum
Dieses Dokument wurde zuletzt geändert am 15-Apr-2005 und übermittelt am
05-Feb-2012 um 22:41:31 Uhr
von 38.107.179.242 (35-2.349.920). Übrigens, auch dieser
Server wird mit David betrieben, der ultimativen Informationsdrehscheibe von
Tobit Software. Zum Ausdruck dieser Seite klicken Sie bitte hier.
|